Yalda Afsah
Surge
28.03.2026 - 24.05.2026
Mit der Ausstellung Surge präsentiert Yalda Afsah in der Kunsthalle Thy ihre erste Ausstellung in Dänemark. Ihre beiden Videos Curro (2023) und Jarramplas (2025) stammen aus zwei unterschiedlichen Arbeitszyklen.Während Curro dem Menschen, über seinen Umgang mit Tieren näherkommt, eröffnet Jarramplas eine neue Serie, die Rituale sowie gemeinschaftliche und soziale Dynamiken in den Mittelpunkt stellt.
Curro eröffnet mit einem Blick in eine weitläufige Landschaft, in derWildpferde zusammengetrieben werden. Am Rande des Geschehens steht ein spähendes Publikum. Eine Atmosphäre aus Ruhe und latenter Erwartung verbindet alle Anwesenden. Dann sieht man die Enge, der dicht zusammengetriebenenWildpferde, die bereits durch kleine Gesten, wie das Tempo eines Gangs oder ein Schwenken eines Armes, nervös werden. Je zwei Männer fixieren ein Pferd in einer sehr engen Umarmung, um Schweif und Mähne zu stutzen. Die erzwungene Nähe lässt die Fluchttiere gezeichnet aus der Situation hervorgehen.
Die nächtlichen Detonationen, mit denen das Video Jarramplas beginnt wirken zugleich festlich und bedrohlich. Die Straßenzüge, die später im Tageslicht erscheinen, erinnern an eine Belagerung. Zunächst sammeln sich hier einzelne Jugendliche, bald steht die Menge dicht gedrängt, wirft Steckrüben und duckt sich vor zurückfliegenden Geschossen. Die Masse lockert und verdichtet sich immer wieder, bis die unübersichtliche Situation abrupt zum Stillstand kommt und die Blicke sich auf das Zentrum richten. Das Ziel der Attacke wird nicht sichtbar, es ist der Jarramplas, der durch Protektoren geschützte Darsteller eines Viehdiebes, der jedes Jahr symbolisch aus der spanischen Stadt Piornal vertrieben wird.
Derartige Rituale finden sich häufig im ländlichen Räumen, in denen sich Gemeinschaften durch langfristige Bindungen und generationenübergreifende Kontinuitäten auszeichnen. Ihr Zusammenleben ist oft von komplexen Regeln, Codes und Hierarchien geprägt, die für Außenstehende nur schwer lesbar sind. In der Region Thy, deren bäuerliche Bevölkerung lange Zeit vom Gut Boddum Bisgaard aus regiert wurde ist dies auch heute noch greifbar. Pferde waren hier als Arbeitstiere unverzichtbar und die robuste Steckrübe galt als verlässliche Nahrung in Zeiten unsicherer Ernten – ein alltägliches Element, das im Video eine unerwartete symbolische Präsenz erhält.
Afsahs künstlerische Praxis erinnert an eine anthropologische Herangehensweise: Sie erforscht dasWesen des Menschen, seine Beziehungen zur Umwelt und die kulturellen Prägungen seines Handelns. Beiden Videoarbeiten gemein ist eine ästhetische Setzung, die sie klar von dokumentarischen Filmen unterscheidet. Die präzise Auswahl der Bilder und der Lichtsituation, stellen scheinbar nebensächliche Handlungen frei. Der Sound wurde von den ursprünglichen Aufnahmen getrennt und den Videos im Nachhinein hinzugefügt. Kleinste Geräusche, wie ein schwerer Atem, das Knacken eines Zweiges oder das Tätscheln eines Pferderückens werden ebenso hörbar wie Klänge, die nicht in die Szenen zu passen scheinen und so zusätzlich eine eindeutige Gewissheit über das Geschehen verwehren. Zurückgeworfen auf das, was sich wahrnehmen lässt, wird spürbar, wie sehr man als Betrachter:in nach Orientierung sucht.
BIO
Afsahs Arbeiten wurden im Rahmen verschiedener internationaler Ausstellungen und Filmfestivals, darunter auf der Manifesta 13, dem Locarno Film Festival, dem New York Film Festival, in der Berlinischen Galerie, dem Institute of Contemporary Arts London und dem Neuen Berliner Kunstverein gezeigt. Einzelausstellungen hatte sie bei Molitor, Berlin und im Mönchehaus Museum, Goslar, bei JOAN in Los Angeles, anlässlich der Residency Between Bridges in Berlin, in der HALLE FÜR KUNST Steiermark in Graz, im Kunstverein München und im CCA Berlin. 2023 erhielt sie den Hans Purrmann Preis, den Großen Preis der Stadt Speyer. Afsah lehrt an der HfBK Hamburg.