Elif Saydam
Saving Nine
14.06.2025 - 03.08.2025
The faggots and their friends and the women who love women can, they
begin to know, stop and do no-thing. That is something for them to do.
– Larry Mitchell, The Faggots & Their Friends Between Revolutions (1977)
Das Dach dieser 200 Jahre alten, die Kunsthal Thy beherbergenden Scheune wurde durch eine Rostfärbetechnik auf Leinwand übertragen. Dabei wurden seine Struktur und Materialität festgehalten. Das ist die erste Zeitaufnahme von Saving Nine. Sie bildet die Grundlage für Elif Saydams Einladung zur kollektiven Arbeit. Die Ausstellung wird sich unter seiner Anleitung mehrfach verwandeln und in ein gemeinschaftliches Kunstwerk münden, das der Institution für kommende Zusammenkünfte zur Verfügung stehen wird.
Färben, nähen, essen, schneiden, plaudern, trinken… Dies sind einige der Aktivitäten, die den Teilnehmer:innen offenstehen. Der Dachabdruck dient als Kulisse für im Raum hängende Banner, die in kleinere Stücke zerschnitten und weiterverwendet werden sollen. In den ersten Ausstellungsworkshops werden diese Stoffstücke zusammengenäht – mit einer größeren Decke, die ein mehmuni (ein persischesWort für „Fest“) am 21. Juni 2025 dokumentiert.
Dieses Sonnenwendfest wird mittels Cyanotypie archiviert – einem Edeldruckverfahren mit lichtempfindlichen Pigmenten. Die Formen von Gästen, Tassen, Tellern, Besteck und ihren Bewegungen werden in dunklen Blautönen festgehalten. Das ist die zweite Zeitaufnahme von Saving Nine: ein Textil, das das Gastgeber-Sein zugleich abstrahiert und gedenkt, indem es die Bewegungsspuren von Dingen, Gästen und Freund:innen miteinander verschmelzen lässt.
Ein solches kollektives Tun bringt – und das ist spezifisch für Saydams Verfahren im erweiterten Feld der Malerei – die geschickte, zeitaufwendige und überbordende Arbeit des Dekorierens mit sich. Üblicherweise als überflüssiger Zierrat verstanden und als weiblich und orientalisch abgewertet, erfordert Dekoration das Bei-der-Sache-bleiben: Tun und Rückgängigmachen, Nachzeichnen undWiederholen, Ausprobieren und Anpassen – mit Blick auf die kommenden Stiche. Solche repetitiven Tätigkeiten, deren Nutzen sich uns oft entzieht, sind Formen des gemeinschaftlichen Zeitvertreibs.
Sowohl der Dachabdruck als auch die Cyanotypien fungieren als Zeitmesser. Sie nehmen die Stunden der vielen Beteiligten auf. Die Absicht ist, Zeit zwischen den Fingern festzuhalten, um mit den Anderen zu teilen – durch das Einnähen einzelner Stücke in ein größeres Ganzes. Es erinnert an das AIDS Memorial Quilt (seit 1985), eine große Patchwork-Decke zum Gedenken an die Opfer der AIDS-Pandemie – heute eines der größten gemeinschaftlich geschaffenen Kunstwerke weltweit. DiesenWerken liegt eine Dringlichkeit zugrunde: sich in Trauer zu versammeln, wenn der Schaden bereits zugefügt worden ist.
Der Ausstellungstitel verweist auf die Schmalheit verspäteten Handelns. Er ist inspiriert vom Sprichwort „A stitch in time saves nine [Ein rechtzeitiger Stich spart Neun]”, das sofortiges Handeln bevorzugt. Doch die Ausstellung reproduziert keine normative Aktivitätsökonomie vollständig. Stattdessen lädt sie dazu ein, so viel zu tun und zu wiederholen, dass kollektiver Zeitvertreib selbst zum Ziel wird. Die Schlichtheit dieser Beobachtung birgt das Risiko, die ethische Dimension von Saydams Eingriff zu verkennen.
Durch seinen Fokus auf die mühsameWiederholung kleiner Gesten – der Stich als kleinste Einheit solcher Handarbeit – wird die vermeintliche Banalität dekorativer Kulturen und Ausdrucksformen zum Ein und Aus der Fürsorge. Um neun Stiche zu sparen, müssen wir etwas tun – jetzt und gemeinsam.
Diese reparative Qualität ist im Verb „nähen“ bereits angelegt – es impliziert sowohl Verbinden als auch Flicken – und steht exemplarisch für ein weiteres Element in Saydams Praxis, das sich in der Titelauswahl und in den verwendeten Techniken widerspiegelt: sein Beharren auf alltäglichen, volkstümlichenWissensformen, die uns wie Stiche verbinden. Die Hingabe an Dekoration und Ornament, die Neubewertung von Handwerk in gemeinschaftlichen Fürsorgestrukturen und die in Cyanotypien verschwommenen Körper, die Spuren ohne erkennbare Merkmale abstrahiert hinterlassen, bilden die ästhetisch-politischen Koordinaten von Saving Nine.
In Zeiten, die geprägt von Staatsterrorismus, dem Narzissmus der kleinen Differenzen, dessen Komplizenschaft mit normativen Gesellschaftsordnungen und lähmenden Untergangsnarrativen sind, bieten dieseWerke eine kurze Ruhepause. Saydam lädt uns ein, den einen oder anderen Faden zu ziehen. Die durch Abstraktion unlesbar gewordenen Körperabdrücke gründen sich auf unsere kollektive Arbeit.Wir sind eingeladen, zu tun und ungeschehen zu machen – bei Tee und Gebäck, Geschenken undWorten. Der Künstler und seine Freund:innen, um dem Künstler bekannte Zeilen anzupassen, do no-thing. Das ist die dritte Zeitaufnahme von Saving Nine und that is something for us to do.
– José Segebre
CV
Durch eine erweiterte Malpraxis nutzt der türkisch-kanadische Künstler Elif Saydam die
Sprache der Ornamentik und Dekoration, um Systeme vonWertigkeit und Betonung neu zu
ordnen. Jüngste Einzel- und Gruppenausstellungen umfassen List Projects 32 am MIT
(Cambridge), RAUS bei Franz Kaka (Toronto), Hospitality an den Audain Galleries der Simon
Fraser University (Vancouver), A CrackWe Sprout Through bei SANATORIUM (Istanbul),
it's not you it's me bei Sentiment (Zürich), Stealth in der Galerie Rüdiger Schöttle (München),
Eviction Notice in den Oakville Galleries Gairloch Gardens (Ontario), Cleaning up the
Neighborhood bei All Stars (Lausanne), Lose Enden in der Kunsthalle Bern (Bern),
Frgiveness* bei Tanya Leighton (Berlin) und ...schläft sich durch im Kunstverein Harburger
Bahnhof (Hamburg).
Saydams erste Monografie TWO CENTS wurde 2022 bei Mousse Publishing (Italien) veröffentlicht. Er arbeitet regelmäßig an interdisziplinären, textbasierten Projekten mit anderen Künstlern und Autoren. Saydam lebt und arbeitet zwischen Berlin, Deutschland, und İzmir, Türkei.