Camilla Steinum
Listening Holes
16.08.2025 – 11.10.2025
Camilla Steinums Ausstellung in der Kunsthal Thy thematisiert die Grenzen zwischen dem Inneren und Äußeren des Körpers, deren Übergängen und ihrerWahrnehmung. Von der Decke und dem Gebälk der alten Scheune herab hängen große Kugeln, die auf Täue aufgefädelt sind und so an Perlenketten erinnern, während übergroße Ohren an denWänden eine Körperlichkeit vermuten lassen. Beide Elemente bestehen aus Toilettenpapier, vermischt mit Kleister – ein Material, das bereits eine Verbindung von Alltäglichkeit und Intimität andeutet.
Kunstausstellungen zielen oft darauf ab, das Auge zu fesseln und den Körper der Betrachtenden auf Distanz zu halten, ja ihn durch Berührungsverbote zu disziplinieren. Das Kunstwerk wird so zum Objekt der Anschauung, die Betrachter:innen zum schauenden Subjekt. Eine körperliche Reaktion ist nur vom dem betrachtenden Subjekt zu erwarten, in dem das Kunstobjekt auratische Schwingungen auslöst, oder? Steinums Arbeit Between Uncertainties disziplinieren die Bewegungen der Besucher:innen im Ausstellungsraum, dadurch, dass sie ihn strukturieren. Steinum bricht jedoch mit der Konvention der Distanzierung zwischen Kunstobjekt und Betrachter:innensubjekt:
Die Kugeln und Ohren reagieren auf die Anwesenheit der Besucher:innen, indem sie aufleuchten – unvorhersehbar, jede mit ihrem eigenen Rhythmus, der auf Bewegungen und Geräusche im Raum reagiert. Die Farbgebung der Täue erinnert an die Verläufe blauer Flecken im Heilungsprozess – von Blau-Grün über Gelb-Grün zu Braun-Gelb. Die Form der Kugeln evoziert Assoziationen zu Analkugeln, Objekten, die das Innere des Körpers mit seinem Äußeren verbinden. Ekel, Schauder oder Scham, die solche Objekte hervorrufen können, sind keine natürlichen, sondern kulturell erlernte Reaktionen.
Die Materialwahl – Toilettenpapier und Kleister – verweist auf eine kulturelle und historische Reflexion über Reinheit und Unreinheit. Im alten Ägypten galt der Skarabeus Sacer (Heiliger Pillendreher), der seine Eier in Dung legt und daraus Kugeln formt, als Symbol göttlicher Schöpfung. Der Gott Kephri, dargestellt mit Skarabeuskopf, verkörperte die zyklische Kraft der Natur. Dung war kein unreines Material, sondern ein lebensspendendes Element. Im Mittelalter hingegen trennten humoralpathologische Vorstellungen strikt zwischen dem Inneren und Äußeren des Körpers. Die Hygienebewegung des 19. Jahrhunderts schließlich etablierte Fäkalien als Krankheitsursache, was die Kluft zwischen „rein“ und „unrein“ vertiefte. SteinumsWerk fordert diese Dichotomie heraus und lädt dazu ein, kulturelle Prägungen zu hinterfragen.
CV
Camilla Steinum (geb. 1986, Oslo) lebt und arbeitet in Berlin und Oslo. Sie absolvierte ihren Master im Fach Kunst (2012) und ihren Bachelor im Fach Textil (2009) an der Kunsthochschule Oslo.
Ihre Arbeiten waren in Einzelausstellungen unter anderem imWIELS project space, Brüssel (2023), Oppland Kunstsenter, Lillehammer (2021),Westfälischer Kunstverein, Münster (2020), Künstverein Göttingen (2020), Soy Capitán, Berlin (2021, 2018, 2017) und Soft Galleri, Oslo (2015) zu sehen. Zudem nahm sie an Gruppenausstellungen teil, etwa im Hordaland Kunstsenter, Bergen (2019), Kunsthall Stavanger (2018), Norsk Skulpturbiennale (2017), Galerie Fiebach Minninger, Köln (2016) und Munchmuseet, Oslo (2015).
Die Produktion der Kunstwerke für Listening Holes wird unterstützt von